Der beste Icebreaker der Welt – und warum Romanfiguren keinen Smalltalk brauchen
Es gibt Szenen, an denen erstaunlich viele Autorinnen und Autoren
verzweifeln. Und nein: Es ist nicht die Charakterisierung der
Protagonisten, nicht die Schilderung eines brutalen Verbrechens und auch
nicht der Aufbau des Spannungsbogens. Es ist etwas viel Banaleres: das
erste Treffen zweier Menschen, die sich im weiteren Verlauf des Romans
ineinander verlieben sollen.
Man bestellt zwei Figuren in ein Café und setzt sie an einen Tisch. Mit
einem Kaffee oder Glas Wein in der Hand – letzteres ist ein bisschen
besser, da sind die beiden unter Umständen gleich etwas lockerer. Aber
wie kommen sie ins Gespräch? Worüber reden sie, wenn sie noch nichts
miteinander erlebt haben?
„Was machst du beruflich?“
„Woher kommst du?“
„Was unternimmst du in deiner Freizeit?“
Spätestens nach der dritten Frage klingt der Dialog wie ein
Bewerbungsgespräch, an dessen Ende in den meisten Fällen eine Absage für
einen gemeinsamen Weg in die Zukunft steht.
Für solche erfolglosen Unterhaltungen hat man im Roman allerdings selten
Zeit. Sie führen schließlich zu nichts – es sei denn, der abservierte
Kerl entpuppt sich als psychopathischer Killer oder die arrogante Zicke
entdeckt nach dem erneuten Korb plötzlich ihre weiche Seite und das
andere Ufer.
Dabei kennen wir das alle aus dem echten Leben. Die besten Gespräche
entstehen häufig dann, wenn man gar nicht versucht, eines zu führen. In
der Dramaturgie gibt es für solche lockeren Einstiege verschiedene
Bezeichnungen. Ich spreche der Einfachheit halber von einem Icebreaker.
Und nein – damit meine ich nicht irgendwelche schlauen Fragen nach der
besten und schlechtesten Eigenschaft, dem skurrilsten Erlebnis oder
pikantesten Geheimnis. Ich meine etwas viel Einfacheres: etwas, das sich
außerhalb des Dates befindet.
Sobald zwei Menschen nicht mehr ausschließlich einander anschauen
müssen, gibt es plötzlich etwas, worüber sie gemeinsam staunen, lachen
oder rätseln können. Einen Straßenmusiker. Einen Hund, der sich mitten
auf den Gehsteig legt und keinen Zentimeter mehr bewegt. Einen
unerwarteten Regenschauer. Ein seltsames Schild. Ein altes Gebäude, bei
dem man sich fragt, was sich hinter den Mauern wohl schon alles
abgespielt hat. Und schon ist man im Gespräch.
Wenn ich meinen Lesern Figuren vorstelle, schicke ich sie deshalb nur
selten einfach auf einen Kaffee. Ich lasse sie gemeinsam ein Rätsel
lösen, einen Ort erkunden oder über etwas stolpern, das ihre Neugier
weckt. Dann muss sich niemand präsentieren und verkaufen, und ich muss
meinen Figuren auch nicht mühsam irgendwelche Gesprächsthemen in den
Mund legen oder ihnen die Würmer aus der Nase ziehen.
Dasselbe beobachte ich seit Jahren bei meinen Stadtführungen. Anfangs
laufen manche Teilnehmer noch etwas zurückhaltend nebeneinander her.
Einige kennen sich kaum oder überhaupt nicht. Doch kaum erzähle ich die
erste überraschende Geschichte, geht es los.
„Das wusste ich ja gar nicht!“
„Schau mal dort oben!“
„Meinst du wirklich, dass das stimmt?“
„Davon habe ich schon einmal gehört!“
Wenige Minuten später unterhalten sich Menschen miteinander, die
einander vorher fremd waren. Nicht weil sie beschlossen haben, sich
jetzt gefälligst kennenzulernen, sondern weil es plötzlich etwas zu
bereden gibt.
Vielleicht fühlen sich Spaziergänge auch deshalb natürlicher an als ein
Treffen an einem Tisch. Man geht nebeneinander, kann sich umsehen und
muss sich nicht pausenlos in die Augen schauen. Schweigt man eine halbe
Minute, ist das auch kein Drama. Dann betrachtet man eben eine
Hausfassade, schaut in ein Schaufenster oder beobachtet den Mann auf der
anderen Straßenseite, der gerade versucht, seinen Dackel davon zu
überzeugen, in eine andere Richtung zu gehen.
Gerade Wien liefert Gesprächsstoff praktisch im Vorbeigehen. Warum gibt
es dort ein Fenster, das ins Leere führt? Weshalb steckt in einer
Hausmauer eine Kanonenkugel? Welche Tragödie hat sich in dieser
unscheinbaren Gasse abgespielt? Und schon landet man von der
Kanonenkugel beim letzten Urlaub, von dort bei irgendeinem historischen
Roman und zehn Minuten später möglicherweise bei der Frage, ob man
lieber im Mittelalter oder im alten Rom gelebt hätte.
So etwas finde ich auch als Autorin spannend. Zwei Menschen müssen nicht
krampfhaft nach Gemeinsamkeiten suchen. Manchmal reicht es schon, wenn
sie zur selben Zeit am selben Ort etwas sehen, das beide interessiert.
Aus diesem Grund gefällt mir die Idee hinter Funkenflug: Statt sich
zuerst endlos Nachrichten hin- und herzuschicken, kann man gemeinsam
etwas unternehmen – spazieren gehen, ein Konzert besuchen oder einen
Ausflug machen. Seit Kurzem arbeiten Funkenflug und Secret Vienna
zusammen, und unsere Audio-Guides passen eigentlich ganz gut zu diesem
Gedanken. Man schlendert gemeinsam durch Wien, hört Geschichten,
entdeckt Dinge, an denen man sonst vorbeigegangen wäre, und hat dabei
automatisch etwas zu reden.
Ob daraus am Ende die große Liebe wird, kann natürlich auch der beste
Icebreaker der Welt nicht garantieren.
Aber zumindest muss niemand fragen: „Und was machst du so in deiner
Freizeit?“