Morden Frauen besser?

Noch vor ein paar Jahrzehnten waren die Bestsellerlisten im Thrillerbereich fest in Männerhand.
Stephen King, John Grisham, Tom Clancy, Michael Crichton. Hochspannung mit Serienkillern, Agenten,
Gerichtsprozessen, militärischen Geheimoperationen und Männern, die die
Welt retteten. Oder sie wenigstens vor großem Unheil, möglicherweise
sogar vor dem sicheren Untergang bewahrten.
Inzwischen hat sich das Bild gründlich verändert. Gillian Flynn, Karin
Slaughter, Lisa Jewell, Freida McFadden, Lucy Foley oder Paula Hawkins
landen regelmäßig auf den internationalen Bestsellerlisten. Gerade beim
Psychothriller kommt man an Autorinnen in diesem Genre kaum noch vorbei.
Einen gewaltigen Schub bekam diese Entwicklung 2012 durch Gillian Flynns
Gone Girl. Der Roman wurde zum internationalen Bestseller und zeigte,
wie erfolgreich ein Thriller sein kann, dessen Spannung vor allem aus
einer Beziehung, zwei höchst unzuverlässigen Perspektiven und der Frage
entsteht, wem man hier eigentlich noch irgendetwas glauben darf.
Terroristen und Geheimdienste waren plötzlich keine Voraussetzung mehr
dafür, dass man bis zwei Uhr morgens weiterliest, obwohl am nächsten Tag
der Wecker klingelt.
Aber stimmt es nun, dass Frauen mittlerweile die besseren Thriller
schreiben? So einfach ist es natürlich – leider – nicht.
Der Thriller selbst hat sich verändert. Die Bedrohung muss nicht mehr
mit einer Waffe durch eine dunkle Gasse schleichen, auf der Suche nach
wehrlosen Opfern. Manchmal liegt das Böse nachts neben einem im Bett.
Beziehungen zerbrechen, Personen manipulieren sich gegenseitig,
Erinnerungen erweisen sich als falsch und ausgerechnet jener Mensch, dem
man seit Jahren vertraut, könnte ein ziemlich gut gehütetes Geheimnis
haben. Die Frage lautet immer öfter nicht nur: Was ist passiert?
Sondern: Warum?
Das kommt vielen Autorinnen entgegen. Sie lassen ihre ProtagonistInnen
zweifeln, verdrängen und lügen oder selbst an Dinge glauben, die
vielleicht nie passiert sind. Und plötzlich wird ein Abendessen
spannender als eine Verfolgungsjagd, weil eine Person am Tisch längst
bereit ist, einen Mord zu begehen.
Aber schreiben Frauen tatsächlich auch anders? Handeln ihre Figuren
besonnener und zugleich verschlagener? Fließt bei den Verbrechen weniger
Blut? Sind ihre Helden grundsätzlich sympathisch und haben kein
Alkoholproblem?
Mit solchen Verallgemeinerungen sollte man vorsichtig sein. Es gibt
Männer, die großartige Psychothriller mit tiefgründiger, intelligenter
Handlung schreiben, und genauso Frauen, die Bomben krachen und ihre
Täter ordentlich metzeln lassen.
Trotzdem lassen sich Schwerpunkte bei der Veränderung des Genres
erkennen. Während viele klassische Thriller stark von Handlung, Tempo
und äußerer Bedrohung lebten, beschäftigen sich erfolgreiche
Psychothriller gegenwärtig häufig mit Beziehungen, Emotionen und
menschlichen Abgründen. Das macht sie nicht automatisch besser. Aber
anders spannend.
Denn wenn ich tief genug im Kopf einer Figur stecke, brauche ich
irgendwann keine Bombe mehr. Es reicht, wenn sie einen Satz hört und
plötzlich begreift, dass etwas ganz und gar nicht stimmt. Und solche
Romane werden definitiv häufiger von Autorinnen geschrieben.
Ein Punkt, der bei der Entwicklung gern übersehen wird: Es gibt immer
mehr weibliche Thrillerfans – und die lesen mehrheitlich lieber Bücher,
die von Frauen geschrieben wurden. Da Verlage nun sehr genau beobachten,
was von wem gekauft wird, ist der Trend auch damit gut erklärt.
Moderne Psychothriller mit Familiengeheimnissen, toxischen Beziehungen,
verschwundenen Kindern, Freundschaften mit doppeltem Boden und Menschen,
bei denen Gut und Böse nicht sorgfältig voneinander getrennt in zwei
Schubladen passen, haben jedenfalls mittlerweile ein riesiges Publikum
gefunden. Es reicht dabei nicht mehr, am Ende zu erfahren, wer der Täter
war. Man will wissen, warum jemand lügt. Warum ein Mensch manipuliert.
Wie weit jemand gehen würde, um ein Geheimnis zu bewahren. Und ob eine
Romanfigur, die wir gerade noch mochten, drei Kapitel später etwas tun
kann, das wir ihr niemals zugetraut hätten.
Frauen haben die Entwicklung des Genres nicht allein ausgelöst. Aber sie
haben sie entscheidend mitgeprägt und ProtagonistInnen ins Zentrum
gestellt, deren gefährlichster Gegner oft im engsten Umfeld lauert.
Manchmal braucht ein Thriller eben keinen Killer, der vor dem Fenster
lauert. Meist reicht ein Mensch, der bereits im Haus ist.
Und wer schreibt nun die besseren Thriller? Ich sag mal so: Einem
richtig guten Buch ist es herzlich egal, welches Geschlecht auf dem
Cover steht.

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