Von der Autorin zum Rockstar – ein Leben zwischen Buch und Bühne

Autor:innen müssen heute mehr können als schreiben. Viel mehr. Talent, Stilgefühl, handwerkliche Präzision – all das gilt als Voraussetzung, nicht als Auszeichnung. Wer veröffentlichen will, muss sichtbar sein. Wer sichtbar sein will, muss laut sein. Und wer laut ist, gewinnt Aufmerksamkeit. Nicht zwingend wegen der Texte, sondern wegen der Person dahinter.

Der Literaturbetrieb hat sich verändert. Schreiben ist nicht verschwunden, aber es ist nur noch ein Teil eines weit größeren Systems. Autor:innen sollen heute Marken sein: mit klarer Positionierung, Wiedererkennungswert und Präsenz auf allen Kanälen. Es braucht Social Media, Pressekontakte, Selfbranding, Eventtauglichkeit. Kurz: Man soll schreiben – und gleichzeitig netzwerken, verkaufen, performen.

Im Vorteil sind jene, die gern im Mittelpunkt stehen. Die keine Scheu haben, sich selbst zu inszenieren, die schnell Kontakte knüpfen, charmant auftreten und im richtigen Moment der richtigen Person die Hand schütteln. Für Menschen, die Energie aus Aufmerksamkeit ziehen und sich mühelos in Szene setzen ist das Literaturleben kein Spagat, sondern ein Spielfeld.

Für andere ist es das Gegenteil. Für jene, die lieber schreiben als reden. Die ihre Kraft aus Konzentration ziehen, nicht aus Applaus. Die es vielleicht mögen, leise Worte mit ihren Leser:innen wechseln, aber nicht unbedingt laut herausposaunen, wie gut sie sind und wie viele Follower und Pressekontakte sie haben. Für sie ist Selbstvermarktung kein natürlicher Teil des Berufs, sondern ein zusätzlicher Kraftakt. Und der ist nicht nur nervenaufreibend und für viele extrem belastend, sondern auch mit erheblichem Zeitaufwand verbunden. Kontakte müssen gepflegt, Selbstvermarktungsstrategien ersonnen und Werbemaßnahmen geplant und umgesetzt werden.

Dabei ist das Schreiben selbst ein stiller, introvertierter Akt. Texte entstehen nicht im Rampenlicht, sondern im Zweifel, im Ringen, im Überarbeiten. Die Arbeit an einem Buch braucht Zeit, Tiefe, Einsamkeit. Eigenschaften, die in einem auf Aufmerksamkeit getrimmten System wenig glamourös wirken. Doch wer sich zurückzieht, gilt schnell als unsichtbar. Wer nicht ständig präsent ist, wird vergessen. Man nimmt an: Liebt ein Künstler nicht die Bühne, glaubt er nicht an sich, sein Produkt und seinen Erfolg.

So verschiebt sich die Gewichtung. Können wird nachrangig, wenn es nicht ins Rampenlicht gestellt wird. Qualität zählt weniger als Reichweite. Ein guter Auftritt kann einen mittelmäßigen Text tragen – ein hervorragender Text ohne Bühne bleibt oft unbeachtet. Das ist keine neue Erkenntnis, aber sie hat sich verschärft. Algorithmen belohnen Lautstärke. Verlage reagieren auf Zahlen. Aufmerksamkeit wird zur Währung. Und das bedeutet, dass Talent allein nicht mehr genügt. Dass Schreiben nicht mehr der Kern, sondern der Ausgangspunkt ist. Und dass jene, die sich nicht zur Selbstvermarktungsmaschine umbauen können oder wollen, strukturell benachteiligt sind. In diesem Prozess entsteht die Verwechslung von Sichtbarkeit und Qualität. Wer häufig gesehen wird, gilt als relevant. Wer häufig eingeladen wird, als bedeutend. Wer gut vernetzt ist, als erfolgreich. Das literarische Urteil verschiebt sich vom Text zur Person. Vom Werk zur Performance.

Dabei braucht Literatur keine Dauerpräsenz. Sie braucht Meinungen. Unterschiedliche. Leise und laute. Doch die Stimmen, die andere nicht zu übertönen versuchen, drohen im Lärm unterzugehen. Und die, die nicht ständig im Scheinwerferlicht stehen wollen, werden vom Licht der anderen überstrahlt und verblassen schneller als der Markt auf ihr Werk reagieren kann.

Der Literaturbetrieb fordert aufgrund verschiedenster Faktoren ein Talent zur Selbstanpreisung von den Autor:innen. Wer bestehen will, soll sich zeigen, platzieren, verkaufen, damit er konkurrenzfähig ist. Das ist nicht per se falsch. Problematisch wird es dort, wenn die Exponiertheit zur Voraussetzung wird. Wo Zurückhaltung als Schwäche gilt. Wo Können nur dann zählt, wenn es gut verpackt ist.

Vielleicht wäre es an der Zeit, sich wieder daran zu erinnern, warum geschrieben wird. Nicht um Likes zu sammeln, sondern um Gedanken zu ordnen. Nicht um Bühnen zu füllen, sondern um Inhalte zu vermitteln. Nicht um sich selbst zu feiern, sondern um etwas beizutragen.

Solange aber Aufmerksamkeit wichtiger ist als Substanz, bleibt der Literaturbetrieb ein Ort, an dem Rampentauglichkeit belohnt wird – und viele hervorragende Texte ungelesen bleiben.

Und das ist vielleicht die leiseste Tragödie des modernen Schreibens.

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